Trekkingtour von Gangotri zur Gangesquelle nach Gaumukh
Ein bebilderter Reisebericht von Till Dohmann.
Nach der extremsten Busfahrt unseres bisherigen Lebens erreichen Basti und ich endlich das kleine Himalaya- Dorf Gangotri auf ca. 3000m Höhe im Bundesstaat Uttar Pradesh. Wir nehmen uns ein Zimmer in einer billigen Pilgerherberge mit Shaket, einem israelischen Mädel, das wir im Bus kennengelernt haben. Für den Raum möchte der Herbergsvater 25 Rupis / Person (ca. 1,10DM). Genau die Preisklasse, die wir uns vorgestellt haben.
Aber was für ein Raum!!! Drei Holzpritschen mit seit Jahren nicht mehr gewaschenen Decken, in einem dunklen, tropfenden Kellerloch direkt neben dem tosenden Ganges. Dazu eine Toilette, bei der man Angst hat, die Hosen herunterzulassen. Aber egal. Ist ja nur für eine Nacht.
Im Schein einer Öllampe sortieren wir
uns und planen den kommenden Tag. Unser Trio beschließt, gemeinsam die
Trekking – Tour zu unternehmen. Im Gegensatz zum Vorgebirge ist es hier
bitterkalt und wir kriechen in Klamotten in den Schlafsack.
Am nächsten Morgen brechen wir nach einem kleinen Frühstück mit Chay und Chapati (Fladenbrot) zu der 14km langen Wanderung auf. Ein schmaler Gebirgspfad führt am Bhagirata vorbei, wie der Ganges bis Gangotri heißt. Erst ab dem Passieren eines der Göttin Ganga geweihten Tempel in Gangotri wird der Bhagirata zum Ganges.
Der reißende Gebirgsfluss fließt tief unter uns dahin; über uns befinden sich steile Berge und bedrohliche Gesteinsmassen. Der Himmel ist grau und es fängt leicht zu regnen an. Bei einem Chay – Shop auf dem Weg machen wir eine kleine Rast.
Weiter geht es vorbei an kleinen Tempeln und über behelfsmäßige Bretterbrücken, die über Seitenbäche des Bhagirata führen. Wegen des schlechten Wetters wirkt die Landschaft ziemlich trostlos. Der Baumbewuchs der Hänge nimmt ab, je höher wir kommen. Schließlich überschreiten Basti, Shaket und ich die Baumgrenze. Wir können keinen einzigen schneebedeckten Gipfel sehen und sind gefrustet. Die Höhenluft schlägt auf die Kondition und wir sind froh, als wir den kleinen Ort Bhojbasa auf 3800m Höhe erreichen.
Das Bergdorf besteht aus einigen
Teebuden, einem Ashram, einem heruntergekommenen Touristenhotel, einer Pilgerherberge
und einigen wenigen Häusern. Wir entscheiden uns für die billige Pilgerherberge.
Wieder drei Holzpritschen, dreckige Decken und das ekelhafteste Klo Indiens.
Aber wenigstens dringt Tageslicht durch die Fenster und das Dach ist dicht. Außerdem
sind wir nicht alleine: Unter den Pritschen haben es sich ein paar Mäuse gemütlich
gemacht….
Auf Tee und
Thali (indisches Nationalgericht mit Reis, mehreren Currys, Chapati und
Joghurt) stürzen wir uns wie hungrige Tiere. Im Gebirge ist alles etwas
teurer, da alles aus Gangotri zur Fuß getragen werden muss. Die Träger haben
wir schon auf dem Weg gesehen und auf gewisse Weise auch bemitleidet. Tagein
Tagaus laufen sie den 14 km langen Weg und schleppen Reis, Geschirr, Kocher
und Kerosin die Berge hinauf. Und wenn dann mal eine Wasserleitung gelegt
werden soll, tragen die Männer eben Wasserrohre. Ein Träger schafft die
Strecke vier mal am Tag. Sechs Tage die Woche 56 km laufen!!! Ein echter
Knochenjob und ein monotoner dazu.
Nach einer
bitterkalten Nacht starten Shaket und ich nach Gaumukh, der Quelle des
Bhagirata. Basti muss zurückbleiben, da er Probleme mit der Höhenluft hat
und ein weiterer Aufstieg zu gefährlich wäre. Wir bezahlen einen
Dorfbewohner, der uns den ganzen Tag begleiten und über den Gletscher führen
wird.
Der Weg
nach Gaumukh ist felsig. Das ewige Auf und Ab macht uns fertig. Endlich
passieren wir die 4000m – Höhenmarkierung und erreichen Gaumukh. Uns
offenbart sich ein atemberaubendes Bild. Aufgrund einer Talengstelle kann sich
der Gletscher nicht weiter ins Tal schieben. Aus riesigen Höhlen im Eis fließt
geschmolzenes Wasser, - der Bhagirata / Ganges.
„Gaumukh“
ist Hindi und heißt „Kuhmund“, da die Eishöhlen wohl wie ein weit
aufgerissener Mund aussehen. In die Nähe zu gehen ist lebensgefährlich, da
gelegentliche Eisbrüche tonnenschwere Brocken in die Tiefe stürzen zu
lassen. Wir machen eine Pause, genießen den Ausblick, trinken Chay und der Führer
erzählt die hinduistische Glaubensgeschichte
von der Entstehung des Ganges.
Und schon
geht es weiter nach Tapovan. Die Zeit drängt, da der Gletscher nach 15 Uhr
nur noch unter erhöhter Gefahr überquert werden kann. Durch die Tageswärme
schmilzt das Eis und bricht. Der Gletscher an sich ist nicht das, was ich mir
vorgestellt habe. Ich dachte über blankes Eis zu gehen. Statt dessen sieht
man nur gelegentlich türkises Eis unter Gesteinsmassen hervorgucken, die als
Lawinen auf den Gletscher gestürzt sind. Einen Pfad gibt es nicht.
Steinmarkierungen weisen die Richtung und der Guide kennt sich bestens aus.
Als wir den
gefrorenen Koloss überquert haben, kommt der wirklich anstrengende Teil. Eine
fast senkrechte Wand, durch die sich ein Serpentinenpfad schlängelt, muss
erklommen werden. Schwitzen, Stöhnen und alle fünf Minuten Pause. Total
fertig kommen wir oben an, der höhentrainierte Inder lacht sich kaputt.
Und
was erwartet uns? Nichts!! Eine undurchsichtige Nebelwand hat sich vor den
6864m hohen Shivling gelegt. Wir verspüren Enttäuschung und Stolz zugleich.
Enttäuscht darüber, den Berg nicht zu sehen. Stolz darüber, den
anstrengenden Weg auf 4500 Höhenmeter als ungeübte Läufer geschafft zu
haben.
Auf dem
Hochplateau wohnen ein paar Sadhus, heilige Asketen des Hinduismus, auch Babas
genannt. Ein Baba lädt uns in seine Höhle aus Blech und Holz zu Tee, Dal,
Reis und Chapati ein. Wir unterhalten uns lange mit dem Baba und dem Guide.
Der heilige Mann erzählt, dass er das ganze Jahr in Tapovan lebt. Im Herbst lässt
er sich Lebensmittel und Kerosin für dem kompletten Winter von Trägern
bringen, da die Schneemassen den Weg ins Tal unmöglich machen. Der Sadhu trägt
nur einen Tuch um die Hüften und eine locker um die Schultern geworfene
Decke. Bei Temperaturen um die 5°C eine
beachtliche Tatsache. Ich verspreche ihm, meine Handschuhe und meinen Schal
bei meiner Abreise dem Guide zu geben. Trotz aller Härte scheint sich der
Asket zu freuen.
Wir reden
uns fest und vergessen die Zeit. Um halb vier brechen wir eilig auf. Eine
dichte Nebelschicht liegt nun auch über dem Gletscher. Ohne Pause hasten wir
den Abhang herunter und über den Gletscher. Nicht weit von uns hören wir
brechendes Eis mit lautem Getose in Spalten stürzen, was bei dem trostlosen
Wetter doppelt bedrohlich klingt.
Als wir
Gaumukh erreichen, machen wir Rast in der Höhle eines anderen Babas. In seine
Behausung brennt ein heiliges Feuer, was wir nicht berühren dürfen und das
schrecklich qualmt. Auch dieser Sadhu ist fast nackt und er hat superverfilzte
Rastalocken, die er zu einem Kranz um seinen Kopf geschlungen hat. Wieder gibt
es Tee und der Baba raucht sich ein Chillum, eine rohrartige Haschpfeife.
In Bhojbasa geht es Basti glücklicherweise
besser. Wir erzählen unsere Erlebnisse, essen noch eine Thali und fallen
hundemüde auf unsere Pritschen.
Am nächsten
Morgen, Shiva sei Dank, ist der Himmel blau und die Sicht ist klar. Ein
fantastischer Morgenausblick. Der Shivling und mehrere andere schneebedeckte
Berge ragen stolz in den Himmel. Wir sind glücklich, denn dafür sind wir
hergekommen. Basti und ich machen uns auf den Weg nach Gaumukh, um den
Gletscher bei schönem Wetter zu sehen. Mit einem Hochgefühl in der Brust
genießen wir bei einem Glas Tee den berauschenden Anblick.
Zurück in
Bhojbasa packen wir unsere Rucksäcke und treten mit Shaket den Rückmarsch
nach Tapovan an. Dieses mal ist der Weg nicht so anstrengend. Bei dieser
Naturkulisse fällt alles leichter. Eine Art natürliches „high“ sein.
Eine dicke reiche Frau kommt uns entgegen, die von vier schwitzenden Trägern
auf einem Sitzgestell getragen wird. Pilgerfahrt Deluxe…
Im
malerischen Gangotri suchen wir uns ein Hotel mit Blick auf Ganges und Ganga
– Tempel. Unter den Blasen an den Füßen pocht es unangenehm. Einen Tag
lang lassen wir die Seele baumeln, genießen die Himalaya- Idylle und erholen
uns. Am Tag darauf geht es mit dem Bus 12 Stunden zurück nach Rishikesh.
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